Wenn Stress den Zyklus beeinflusst: Wie Unternehmen trotzdem davon profitieren können

Wenn Stress den Zyklus beeinflusst: Wie Unternehmen trotzdem davon profitieren können

Wenn über Stress im Arbeitsalltag gesprochen wird, wirkt es meist als individuelles Problem. Das kann daran liegen, dass viele Lösungsansätze beim Individuum beginnen. Die üblichen Herangehensweisen bei diesem Thema sind Resilienztrainings statt nachhaltiger Arbeitsgestaltung, „Belastbarkeit“ als persönliches Problem oder Krankenstand als individueller Ausweg.  Zudem wird der Zyklus in vielen Unternehmen noch immer als Tabuthema gesehen und nicht berücksichtigt. Dieser Beitrag beleuchtet Dysbalancen von Systemen und Individualdenken und gibt umsetzbare Handlungen an die Hand.

Dabei kann ein:e Arbeitgeber:in stark von Zykluskompetenz profitieren. Wer den Zyklus als Teil der Planung berücksichtigt, kann die Planbarkeit von Ressourcen erhöhen, Krankenstände reduzieren und realistischere Leistungsrahmen setzen. Zykluskompetenz ist, genauso wie mentale Gesundheit, Teil moderner Arbeitskultur. Um zu verstehen, warum Arbeitsstress hier eine Rolle spielt, lohnt sich ein Blick auf die körperlichen Prozesse.

Was Stress im Körper auslöst

Bei Dauerstress steckt der Körper im Überlebensmodus und hat keine Ressourcen für eine gesunden Zyklus. Das kann zur Verschiebung oder gar Ausbleiben des Eisprungs führen, einer verkürzten Lutealphase[1] oder auch starken PMS-Symptomen. Hier muss man berücksichtigen, dass die Stressresistenz individuell unterschiedlich ausfallen kann und Faktoren wie Schlaf, Ernährung und Privatleben zusätzlich ausschlaggebend sein können.

Mit solchen Voraussetzungen nimmt man dem Körper die Möglichkeit, in seinen gewohnten und planbaren Rhythmus zu gelangen. Diese Umstände haben wiederum zur Folge, dass Ausfall- und Krankzeiten vermehrt vorkommen können, bis der Körper irgendwann mit Burnout antwortet. Man sieht also, dass die Zyklusgesundheit und mentale Gesundheit eng miteinander verbunden sind.

Das klingt erstmal nach einem persönlichen Thema, jedoch kann der:die Arbeitgeber:in hier aktiv vorbeugen, um die Verantwortung auf die Struktur zu verschieben, statt auf Individuen.

Wenn Arbeitsbelastung auf zyklische Dynamik trifft

Der Zyklus umfasst natürliche aktive Phasen und Regenerationsphasen. Wenn in diesen Phasen der Regeneration dieselben Leistungs- und Output-Erwartungen herrschen, wie in den aktiven Phasen, führt das wie im letzten Abschnitt erwähnt zu Dysbalance im Körper. Abgesehen von der dauerhaften mentalen Belastung durch ein System, das aus der Balance ist, bringt der Stress außerdem erhöhte Cortisolwerte mit sich, was die Produktion von zykluswichtigen Hormonen hemmt. In Phasen, die Energie stärker nach innen richten, kann Stress dadurch schwieriger ausgeglichen werden und genau diese Phasen werden von außen verstärkt wahrgenommen.

Durch lineare Leistungsmodelle und fehlende Zykluskompetenz verfällt das schnell in die Bewertung der „persönlichen Belastbarkeit“, selbst wenn sich die Ursache auf die Gestaltung der Arbeit zurückführen lässt.

Woran Unternehmen strukturelle Überlastung erkennen

Es gibt zahlreiche Indikatoren von struktureller Überlastung, die sich sehr subjektiv äußern und erkennbar sind. Typische Anzeichen sind Konzentrationsabfall, emotionale Dysregulation oder erhöhte Erschöpfung. Aber auch sinkende Beteiligung an Meetings, weniger Initiative oder erhöhte Fehlerquoten können individuelle Indikatoren sein. In vielen Fällen zeigt sich dauerhafte Überlastung nur in Details und jeder Körper reagiert unterschiedlich darauf. Allerdings kann es auch zu Eskalationen kommen, wie zum Beispiel ausufernde Konflikte oder zunehmende Missverständnisse.

Wenn diese Anzeichen mit Projektspitzen oder Peak-Phasen im Unternehmen korrelieren und wiederkehren, kann das an einer systemischen Überlastung liegen. Es kann helfen, das Augenmerk auf frühzeitige Anzeichen wie steigende Kurzkrankenstände, Rückzug in Meetings oder auch erhöhte Konfliktanfälligkeit zu legen. Präventive Maßnahmen können hier Stress reduzieren und Regeneration fördern. Spätestens bei erhöhter Fluktuation als Langzeitfolge sollte eine Anpassung der strukturellen Gestaltung der Arbeit geschehen.

Die häufigsten strukturellen Stressoren

Wenn auf eine Projektspitze die nächste folgt und  sich dieses Muster stark wiederholt, bleibt keine Zeit für Erholung – der Körper ist nicht auf Dauerleistung ausgelegt. Fehlende Puffer und Parallelisierung von Aufgaben steigern hier den Leistungsdruck. Aber auch geringe Planbarkeit, wie häufige und kurzfristige Änderungen, spontane Deadlines oder oftmalige volatile Prioritäten tragen zu Dauerstress bei. Zudem können folgende Stressoren auftreten:

  • Erwartung von ständiger Erreichbarkeit und Mikromanagement
  • Starre Arbeitszeiten und hohe Meeting-Dichte
  • Geringe individuelle Einflussmöglichkeiten und chronisches Multitasking

Auch unklare Rollen mit diffusen Verantwortlichkeiten, Doppelbelastung oder informeller Zusatzarbeit können Stress verursachen. Zudem stellen fehlende Regenerationsräume eine der häufigsten Stressoren im Arbeitsalltag dar.  Wenn kein Raum für echte Pausen existiert, das Unternehmen von Überstundenkultur lebt und der Urlaub nicht beim Abschalten hilft, ist Dauerstress vorprogrammiert.

Was können Organisationen jetzt verändern?

Der Zyklus sowie die mentale Gesundheit sind zwei sehr persönliche Themen. Wir sehen in den letzten Jahren einen Trend im betrieblichen Gesundheitsmanagement, dass mentale Gesundheit einen größeren Stellenwert bekommt. Dasselbe bedarf es auch für Zykluskompetenz, vor allem weil diese Themen bei Menstruierenden sehr stark miteinander verwoben sind. Genau hier bedarf es an einer aktiven Einbindung in Präventionsprogramme, Schulungen für Führungskräfte und generelle Informationsangebote.

Maßnahmen, von denen alle profitieren können – mit und ohne Zyklus – sind flexible Arbeitszeiten, klare Priorisierungen sowie realistische Projektplanung. Aber vor allem echte Erholungsphasen sind essenziell, um einen reibungslosen Arbeitsablauf zu garantieren.

Eine konkrete Maßnahme, die jedes Unternehmen sofort umsetzen kann, ist eine zyklusbewusste Sprache und eine Gesprächskultur ohne Tabu. Hier einige Beispiele zur Wirkung von Sprache:

statt...

sagen wir...

Hygieneartikel

Periodenprodukt, Menstruationsartikel

die Tage, die Regel

Periode, Menstruation

Frauenkrankheit

zyklusbedingte Beschwerden

Frauen

Menstruierende

weiblicher Zyklus

Menstruationszyklus

 

Durch eine offene und bewusste Sprache wird das Gespräch rund um den Zyklus nicht als schmutzig aufgefasst und nicht auf ein Geschlecht abgewälzt – denn am Ende betrifft es alle im Unternehmen.

Genauso wie mentale Gesundheit ist auch die Zyklusgesundheit direkt von Stress und dauerhaften Leistungserwartungen betroffen. Erste Anzeichen sind Veränderungen des Zyklus wie Verschiebung des Eisprungs oder Ausbleiben der Periode. Da diese ersten Frühzeichen sehr individuell und persönlich sind, sprich als Arbeitgeber:in nicht auswertbar, empfehlen wir neben den bereits oben genannten Anzeichen vor allem eine offene Gesprächskultur zu etablieren. Wenn sich Menstruierende in einem Unternehmen sicher fühlen, gibt man ihnen damit die Möglichkeit, die ersten Anzeichen frühzeitig zu kommunizieren. Das setzt allerdings voraus, dass sie den eigenen Körper und seine Vorgänge kennen und Veränderungen erkennen. Genau hier ist Zykluskompetenz unumgänglich: sie lehrt Mitarbeitenden, mit und ohne Menstruation, wie der Zyklus abläuft. Das stärkt die Planbarkeit für Einzelpersonen sowie für Teams.

Genauso wie mentale Gesundheit muss Zykluskompetenz Teil jedes betrieblichen Gesundheitsmanagements sein.



[1] Zweite Hälfte des Zyklus, beginnt nach dem Eisprung; in unserem Blogbereich für Privatpersonen haben wir einen Überblick zu den Phasen

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